Aquaserge mit neuem Album in der Made To Measure-Reihe von Crammed Discs

Die französische Avant-Rock-Band Aquaserge ließ schon immer Genregrenzen verschwimmen. Für die Ausgabe 46 der „Made To Measure“-Reihe widmet sie sich auf dem am 15.10.2021 erscheinenden Album The Possibility Of A New Work For Aquaserge der zeitgenössischen klassischen Musik ab Mitte des 20. Jahrhunderts: Giacinto Scelsi (1905-1988), György Ligeti (1923-2006), Edgard Varèse (1883-1965) und Morton Feldman (1926-1987).

Inspiriert von den unterschiedlichen Ansätzen der vier Komponisten in puncto Dynamik, Klangtextur und Länge der Stücke oder genauer gesagt, Scelsis Forschung über Klangfarbe und Schwingungen, Ligetis Cluster, Varèses melodischer Kubismus und Feldmans graphische Notation, ging die Band das Album intuitiv wie auch methodisch in einem auf neun Musiker*innen erweiterten Line-Up an.

Das Album enthält zum einen drei langsame, ausgedehnt-weitläufige Stücke, in denen die Klangfarben der Instrumente miteinander zu einer klanglichen Materie verschmelzen. Diese Materie ist gleichzeitig immobil und mobil, wie in einigen Ligeti- oder Scelsi-Werken. Dagegen enthalten die Hommagen der Band an Varèse und Feldman Momente des Ausbruchs und wilder Improvisation. Diese von Aquaserge geschriebenen Kompositionen, werden mit raren Stücken von Edgard Varèse, eines davon auf Basis eines Gedichts von Verlaine. sowie von Morton Feldman mit einem Rilke-Text komplettiert, und zeigen das Gespür der Band für Melodien.

Das Album wird im Rahmen der „Made To Measure“-Reihe von Crammed Discs veröffentlicht, die im Jahr 2021 mit diesem Album wie auch mit einem neuen Album von Nova Materia reaktiviert wird.

Die Stücke:
„Un grand sommeil noir“ (1906): ist die wahrscheinlich älteste Komposition von Edgard Varèse. Er schrieb sie mit Anfang Zwanzig zu einem Gedicht von Paul Verlaine. Das Stück zeigt eine von Debussy, Ravel und Satie beeinflusste tonale, postromantische, und damit wenig bekannte Seite seines Werks.

„1768° (À Edgar Varèse)”: Eine Hommage an das melodische Genie des großen französischen Komponisten, an seine geradezu besessenen Melodielinien, die sich oft mit beständig wechselnder Palette um enge Intervalle (kleine Sekunden) drehen. Dazu kommen einige Aquaserge-typische Elemente wie wilde Rhythmen und plötzliche Wechsel.

„Hommage à Giacinto Scelsi”: Scelsi war fasziniert vom dreidimensionalen Aspekt des Klangs, der für ihn „sphärisch“ ist. Aquaserge will in dieser Meditation über den puren Klang diesem Stadium nahekommen. Das Stück wird mit graphischer Notation aufgeführt und folgt Scelsis Ideen über Klangfarben und Interferenzen („Beat“) zwischen sehr engen Frequenzen.

„Only” (1947): ist eine der ersten Kompositionen des 21-jährigen Morton Feldman und auf Basis eines Gedichts von Rilke. Es ist eines seiner raren Stücke für Stimme und wurde von Aquaserge in zwei unterschiedlichen Versionen für das Album eingespielt.

„Comme des carrés de Feldman”: Eine freudig-freie Noise-Improvisation, strukturiert durch graphische Notation, inspiriert von Morton Feldman, der diese schon früh in seinem Schaffen nutzte.

„Nuit Terrestre (À György Ligeti)”: Die Herausforderung des Stücks bestand darin, klanglich gesehen heterogene Instrumente auf eine Weise zu nutzen, dass sie wie ein einziges, großes Instrument, eine Orgel oder ein Chor klingen, indem die Musiker*innen unmerklich die Klänge miteinander verschmelzen. Dabei haben sie immer Ligetis Worte im Hinterkopf: „Auf der stillen Oberfläche eines Gewässers sehen wir die Reflektion eines Bildes, dann stören Wellen die Wasseroberfläche, das Bild verändert sich und verschwindet. Sehr langsam beruhigt sich die Wasseroberfläche von alleine und ein neues, unterschiedliches Bild kommt zum Vorschein.“

„Nuit Altérée (À György Ligeti)”: Die Band sagt über das Stück, es sei ein „vertikaler Ansatz in unserer Ligeti-Hommage. Als ob man die Wasseroberfläche durchschneidet oder ein Standbild davon anfertigt und die Ergebnisse daraus offenlegt.“

Die Besetzung:

Die Besetzung: So wie die Musik von Aquaserge sich beständig verändert, so ändert sich auch die Besetzung der Band immer wieder. Für das vorliegende Projekt hat sie die Stammbesetzung aus Audrey Ginestet (Vocals, Bass), Benjamin Glibert (Gitarre, Keys), Julien Gasc (Vocals, Synth), Manon Glibert (Klarinetten) und Julien Chamla (Schlagzeug, Percussion) sowohl in der Live- wie auch Studiobesetzung auf neun Musiker*innen erweitert. Darunter die junge Percussionistin Camille Emaille, die schon mit Fred Frith, Peter Brötzmann oder Roscoe Michell gearbeitet hat und die Flötistin Marina Tantanozi mit ihrem zeitgenössischen Klassikhintergrund; sie arbeitet mit Elektronik, Improv und experimenteller Musik. Dazu stießen die Saxophonisten Robin Fincker und Olivier Kelchtermans, die schon zuletzt viel mit Aquaserge aufgetreten sind.

Aquaserge (Photo Credit: BrunoPersat)

Live:
In Zusammenarbeit mit der Regisseurin Elise Simonet hat das Nonett ein Musiktheaterstück mit dem Titel „The Possibility of a New Work for Aquaserge – Lost in a Guitar Case“ entwickelt, das nach der Premiere beim Le Lieu Unique im Mai 2021 in Nantes bei Festivals wie Art Musica in Brüssel oder Aujourd’hui Musiques in Perpignan aufgeführt wird.

Tropismus:
Die Attraktivität zeitgenössischer klassischer Musik für Avantgarde-Rock, elektronische Musik oder den Jazz ist kein neues Phänomen. Von Coltrane und Dolphy bis zu Braxton, von Zappa bis Soft Machine und Henry Cow / Fred Frith fühlten sich viele Musiker*innen von der sogenannten „ernsten“ Musik der 1920er bis 1940er Jahre und darüber hinaus inspiriert. Darunter ist John Cages omnipräsenter konzeptioneller Einfluss, aber auch die zufällige oder absichtliche Konvergenz von Musique Concrète und Sampling oder von Drone-Musik und Arbeiten von Ligeti. Viele Rockmusiker*innen gehen dabei rein instinktiv und sinnlich an die Strukturen, Rhythmen oder Klangtexturen der zeitgenössischen klassischen Musik heran.

Dieser Trend scheint in den letzten Jahrzehnten an Dynamik gewonnen zu haben und die Ideen fließen nicht nur in eine Richtung. Aus der improvisierten Musik und der Post-Techno-Electronica sickern Praktiken auch in das Werk junger zeitgenössischer klassischer Komponist*innen. Die vorher so starren und hermetisch abgeriegelten Genregrenzen sowie die zwischen der U- und E-Musik sind porös geworden.

Allerdings scheint es nur wenige Rockbands zu geben, die sich mit einer solchen Tiefe und Ernsthaftigkeit dem Werk von Scelsi, Ligeti und Varèse angenommen haben, und gleich ein ganzes Album gewidmet haben wie Aquaserge.

Über Aquaserge:
Die resolut polymorphe Musik der französischen Band speist sich aus so unterschiedlichen Quellen wie Pop, Free Jazz, Psych, Noise, experimentellem Rock der 1960er und 1970er Jahre, italienischer und französischer Filmmusik und mehr. Aus diesen Zutaten kreiert Aquaserge einen eigenen, cinematographischen Sound, der sich auch innerhalb einzelner Stücke ständig verändert.

International ist die Band gut vernetzt und das hat zu gemeinsamen Projekten mit Künstler*innen wie Tame Impala, Stereolab, Acid Mothers Temple und nicht zuletzt Aksak Maboul geführt. Ihre kraftvollen Live-Konzerte haben sie bei Festivals wie Le Guess Who?, Transmusicales, der Opéra de Lyon, dem Great Escape oder dem Liverpool Psych Fest gegeben.

Weitere Informationen:
http://aquaserge.com (http://aquaserge NULL.com)

AQUASERGE
The Possibility Of A New Work For Aquaserge (Made To Measure Vol. 46)
VÖ: 15.10.2021
Label: Crammed Discs
Vertriebe: Indigo (CD) / PIAS (digital)
Bestellnummer: MTM 46
Formate: CD, LP, digital
EAN CD: 876623008293
EAN LP: 876623008309
Labelcode: 08689

Eine Auswahl weiterer Veröffentlichungen von Aquaserge:

* “Guerre EP” (2016): https://www.ub-comm.de/?p=3649
* Laisse ça être (2017): https://www.ub-comm.de/?p=3819
* Déjà-Vous? (2018): https://www.ub-comm.de/?p=4279

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