Blick Bassy mit neuem Album bei No Format / Tôt ou Tard

Wenn man die Helden der Unabhängigkeitsbewegungen in Afrika nennen soll, denkt man unwillkürlich an Namen wie Kwame Nkrumah, Patrice Lumumba, Ben Barka, Julius Nyerere. Aber wie sieht es mit Ruben Um Nyobé aus? Wer von uns kennt seinen Namen? Obwohl seine Bewegung UPC (Union des populations du Cameroun) der Folter, Hinrichtung, Massendeportation und der Bombardierung mit Napalm ausgesetzt war, obwohl sie in einem Krieg mit einer der höchsten Opferraten aller afrikanischen Unabhängigkeitskriege gekämpft hat, sind keine großen Plätze oder Straßen nach ihm benannt, es gibt keine imposanten Statuen von ihm, keine Briefmarken mit seinem Antlitz, nichts.

Seit er am 13. September 1958 von französischen Truppen erschossen wurde, ist die Erinnerung an Nyobé in einer von Frankreich angeführten, und von den politischen Marionetten in Kamerun unterstützten konzertierten Aktion ausgelöscht worden. Bis vor kurzem musste man in Kamerun mit Inhaftierung und einer Gefängnisstrafe von unbekannter Dauer rechnen, wenn man die Namen Ruben Um Nyobé, Felix Moumié oder anderer UPC-Aktivisten auch nur erwähnte. Blick Bassy möchte dieses Schweigen brechen. Er möchte, dass die Wahrheit wieder frei atmen kann, um die offenen Wunden im Land zu heilen. Daher hat er sein neues Album, das am 08.03.2019 veröffentlicht wird, 1958 genannt und der Erinnerung an Um Nyobé, Moumié und allen Helden der Unabhängigkeit Kameruns gewidmet.

Sein Wunsch wird auch durch einen bei ihm immer weiter wachsenden Unmut über die aktuellen Zustände in seinem Heimatland befeuert: „Last year I went back to the neighbourhood where I grew up [Nkol-Messeng in Jaunde], and I thought ‘it’s just not possible!’ It used to be great there; it makes no sense that fifteen years after I left it, it’s in the shit. And I ask myself how did we get to this point?” Blick Bassy meint die Antwort darauf zu kennen: die Kameruner haben ihre Geschichte, ihre Traditionen, ihr Erbe und ihre wahren Helden vergessen und die gemeinsame Geschichte aus den Augen verloren, die ihr Land mit Stolz erfüllen könnte. Diese Geschichte(n) will 1958 erzählen.

Von verführerischer Zartheit und Trauer statt von Rache getrieben ist Bassys Musik. Der westafrikanische Musiker geht mit dem zarten, aber subversiven Gefühl eines Bon Iver, dem eindringlichen Falsett eines Skip James und der Phantasie eines Moses Sumney zu Werk. Die Musik steht bei ihm dabei immer an erster Stelle, die Themen folgen. 1958 steht in einer Reihe an Musikstilen, die Bassy seit dem Beginn seiner Solokarriere im Jahr 2009 immer weiter entwickelt und zu seinen eigenen gemacht hat. Ihm zugrunde liegt seine Liebe zu luftigen Soulstücken von Sängern wie Skip James oder Marvin Gaye und seiner tiefen Verehrung für die traditionelle Musik Kameruns und des ganzen afrikanischen Kontinents. Die DNA von Bassys Musik ist nur schwer zu entschlüsseln: ihre Struktur scheint ihre Wurzeln im Spezifischen zu haben, ist dabei aber in genussvoller Weise pan-afrikanisch, global, universal. Ihr Reiz liegt im Spannungsfeld zwischen ehrfürchtig Gealtertem und Behutsamem und dem herausfordernden Neuen.

Die Verbindung in Bassys Musik von tief verwurzelten Traditionen des „Village Africa“ mit einem grenzenlosen, zeitgenössischen Sound ist eine Unabhängigkeitserklärung wie auch eine Trotzreaktion. Er wird oft – hauptsächlich von seinen Landsleuten – gefragt, warum er darauf bestehe, „die Musik der Weißen“ statt der Grooves der westafrikanischen Hitmaschine zu spielen. Seine Antwort darauf: „Why are you insulting yourself?! I mean, if there are people today playing real Cameroonian music, it’s the people at [traditional] healing ceremonies, or people who play music for trance, for rituals, for mourning. We have 10,000 different types of music from one tribe to another in Cameroon, where there are 260 different tribes. It’s so rich.”

All dieser ererbte Reichtum nährte Bassys Phantasie, seit er im Alter von zehn Jahren aus der Hauptstadt Jaunde weggeschickt wurde, um bei seinen Großeltern im äquatorialen Regenwald zu leben. Dort lernte er viel über das Primat der Natur, über die wichtige Rolle der Dorfgesellschaften in der afrikanischen Identität, sowie die lyrischen Qualitäten der Sprache Bassa, in der er singt. All diese Faktoren findet man in seinem Leben und Werk immer wieder. Sie formierten sich zuerst in der sehr erfolgreichen und preisgekrönten Band Macase, die er in Kamerun gründete. Als Bassy 2005 nach Frankreich zog, reiften sie über die Jahre immer weiter und erreichten im Jahr 2016 mit der Veröffentlichung seines Soloalbums Akö ihren Höhepunkt. Der Song „Kiki“ wurde von der Firma Apple ausgewählt, die weltweite Veröffentlichung des iPhone 6 musikalisch zu untermalen.

Blick Bassy (Photo Credit: Justice Mukheli)

1958 streichelt den Hörer geradezu in eine Umarmung hinein statt ihn mit Beats und bitterer Enttäuschung über den Zustand des modernen Kamerun zu erschlagen. Seine Zurück-in-die-Zukunft-Mischung aus Stimmen und Gitarren (Bassy), Cello (Clément Petit), Trompete und Keyboards (Alexis Merrill) und Posaune (Yohann Blanc) sind perfekt von Produzent Renaud Letang (Manu Chao, Feist, Saul Williams, Lianne La Havas, Charlotte Gainsbourg) in Szene gesetzt. Das sanfte Pulsieren des Waldes lebt in den traditionellen Rhythmen von Assiko, Bolobo oder Hondo weiter, ihre Bassa-Mythologie für neue Ohren angepasst, mit Lobliedern auf vergessene Helden. Ein Song wie „Mpodol“ bedeutet z.B. „er, der die Stimme seines Volkes in sich trägt“ und war der Spitzname von Um Nyobé. „Maqui“ erzählt vom Mut der Buschkämpfer angesichts des französischen Terrors; im Song „Ngwa“ brieft Bassy den Geist von Um Nyobé über den Status des Landes, für das dieser gekämpft hat; in „Ngui Yi“ beklagt er sich über die unbekümmerte Ignoranz der Jugend Kameruns, die sich von den leeren Versprechungen des Westens hypnotisieren lässt und in „Pochë“ erinnert er die Kameruner daran, wer die wahren Interessen des Landes verraten hat.

Im Regenwald versteckten sich auch die Freunde und Anhänger von Um Nyobé während ihres Kampfs gegen die Franzosen, darunter auch Bassys Mutter und seine Großeltern. Die Rolle des Vaters als Angestellter in der französischen Kolonialregierung und später als Polizist bleibt unklar. Nach der Unabhängigkeit war es Teil seiner Arbeit, UPC-Anhänger zu verfolgen und er war mit Théodore Mayi Matip befreundet, den viele im Verdacht hatten, Um Nyobé an die Franzosen verraten zu haben. Bereut Bassy, dass er mit seinem Vater nie darüber gesprochen hat? Seine Antwort: „Yes, enormously. I became interested in all this after his death. It’s one of my greatest regrets.”

Aber 1958 ist kein Aufruf zur Reue, Trauer oder zum Hass. Es ist ein Aufruf zum Handeln. Blick Bassy glaubt, dass Afrika, wie alle anderen Kontinente auch, für seine Interessen kämpfen muss: „The emancipation of Africa interests no one else. People fight for their own interests, and they’re right to do so. It’s up to us Africans to defend our interests from now own.” Bassy kämpft nicht nur durch seine Musik, sondern auch durch seine Bücher. Er hat 2016 einen hochgelobten Roman namens Le Moabi Cinéma bei Gallimard veröffentlicht und unter seinen vielen anderen Aktivitäten sind mehrere Labels und Produktionsfirmen, eine YouTube-Serie mit erklärenden Videos über das Musikgeschäft sowie ein globaler Talentwettbewerb namens „Show Me“.

Mit all dem will er uns die wahre Natur seines Heimatlandes vermitteln, wie es zu dem geworden ist, was es ist und was es tun muss, um zu gedeihen: „If you take China, or India, you see that they’ve manage to keep a real connection with their own history, their traditions. But for us, the problem is that we don’t have that foundation. And as long as we don’t make the immense effort needed to anchor ourselves to our traditions, our history, it’ll be very difficult to produce a generation able to achieve its own emancipation…For me, it was obvious that I had to delve back into our history, because when you’re lost you have to look at the string you’re attached to. What’s it tied to? Where does it come from? What’s its story?” Die Antwort auf diese Frage ist 1958.

Im Jahr 1919 endete übrigens mit dem Versailler Vertrag die deutsche Kolonialzeit offiziell in Kamerun. Blick Bassy dazu: „Deutschland trägt einen Teil der Verantwortung für die Zerstörung der Identität und Kultur in den Strukturen Kameruns. Die Tatsache, dass Kamerun heute ein franko- und anglophones Land ist, hat oft die deutsche Präsenz als einem der ersten Kolonisatoren Kameruns in den Hintergrund gedrängt und damit die harten Zeiten, die die Bevölkerung Kameruns vor dem Ersten Weltkrieg durchleben musste.“

Blick Bassy auf Tournee:

22.12.2019 Köln / Philharmonie
28.02.2019 CH-Zürich / Moods
12.03.2019 Bremen / Die Glocke
13.03.2019 A-Wien / Konzerthaus
14.03.2019 Darmstadt / Centralstation
15.03.2019 Potsdam / The Voice Festival
05.04.2019 CH-Cully / Cully Jazz Festival

Weitere Informationen:
https://blickbassy.com/ (https://blickbassy NULL.com/)
https://www.facebook.com/blickbassy/ (https://www NULL.facebook NULL.com/blickbassy/)

BLICK BASSY
Das neue Album: 1958
VÖ: 08.03.2019
Label: No Format / Tôt ou Tard
Vertrieb: Indigo
Formate: CD, LP, Download
EAN CD: 3700187669959
EAN LP: 3700187669966
Katalognummern: 8766995 (CD), 8766995 (LP)
Labelcode: 01918

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