Kinshasa 1978 mit Originalaufnahmen von Konono N°1, Sankayi, dem Orchestre Bana Luya und dem Orchestre Bambala sowie Rekonstruktionen von Martin Meissonnier

1978 nahm der französische Produzent Bernard Treton Sessions von vier „tradimodernen“ Bands in Kinshasa auf. Daraus entstand später das wegweisende Album Zaïre: Musiques Urbaines à Kinshasa, das 1986 vom Label Ocora veröffentlicht wurde, ein Album, das zum ersten Mal die später als „Congotronics“ bekannt gewordene elektrifizierende Musik einem westlichen Publikum vorstellte.

Das jetzt vorliegende Album Kinshasa 1978 (Originals & Reconstructions) von Crammed Discs bietet achtzig Minuten an bislang unveröffentlichten Originalaufnahmen aus diesen Sessions sowie brandneue „Rekonstruktionen“ des über seine Zusammenarbeit mit Künstlern wie Fela Kuti oder Don Cherry bekannten renommierten französischen Produzenten und DJs Martin Meissonnier. Die Rekonstruktionen werden auf Vinyl veröffentlicht; der LP sind die bislang unveröffentlichten Originalaufnahmen als CD beigelegt.

Die vier Bands:
Konono N°1 wurde in den 1960er Jahren als „L’Orchestre Folklorique Tout Puissant Konono N°1“ von Mingiedi Mawangu, einem Virtuosen auf der Likembe (= Daumenklavier), in Kinshasa gegründet. Schon bei Tretons Aufnahmen im Jahr 1978 hört man den mit Marke Eigenbau verstärkten, und mit seinen treibenden Rhythmen unverwechselbaren Sound der Band, die seit ihrem Album Congotronics im Jahr 2004 von der Indie-, Electronica- und Alternative Rock-Szene gefeiert wird.

Wie Konono N°1 zogen auch die Musiker der anderen drei Bands aus den ländlichen Regionen der Demokratischen Republik Kongo in die Hauptstadt Kinshasa. Im Lärm der Großstadt mussten sie sich einer improvisierten Verstärkung bedienen, um ihren Instrumenten Gehör zu verschaffen. Daraus entstand ein radikal anderes Klangbild, das die Technik und das Repertoire der Bands stark veränderte, auch wenn ihre Musik auf traditionellen Klängen basiert.

Das Orchestre Bana Luya stammt ursprünglich aus Mbuji-Mayi, Hauptstadt der Region Kasaï-Oriental. Die Band aus dem Volk der Luba wurde 1967 gegründet und spielte damals auf einer Auswahl an elektrifizierten Likembes. Ein Bandmitglied während dieser Zeit war Kabongo Tshisense, der später die Band Masanka gründen sollte, die noch später mit der Band Sankayi verschmelzen sollte und schließlich im Kasaï Allstars Kollektiv münden würde.

Sankayi wurden von Mbuyamba Nyuni angeführt, einem Sänger, Tänzer, Geschichtenerzähler und Bass-Likembe-Spieler, der um das Jahr 2000 das Kasaï Allstars-Kollektiv mitbegründete und 2011 verstarb. Bei den Aufnahmen kamen mehrere Likembes, Percussion, Blechdosen und eine Flasche zum Einsatz. Sie alle erzeugten Clave-Rhythmus-Muster, die so typisch für die Musik aus Kasaï sind.

Das Orchestre Bambala besteht aus Musikern aus dem Volk der Mbala aus der Bandundu-Provinz. Ihre vom Akkordeon angeführte fröhliche Musik wurde vor allem bei gesellschaftlichen Anlässen wie Taufen, Hochzeiten und Beisetzungen gespielt.

Martin Meissonnier
Mit 18 Jahren begann Martin Meissonnier seine Musikkarriere als Musiker und Konzertpromoter. Außerdem arbeitete er als Musikjournalist für die französische Tageszeitung Libération und den Radiosender France Musique, später auch als DJ bei Radio Nova. Martin wurde ein bekannter Produzent und arbeitete u.a. an Alben von Fela Kuti, King Sunny Adé, Don Cherry, Tony Allen, Khaled, Manu Dibango oder Yasuaki Shimizu. 1989 erschuf er die einstündige Fernsehsendung „Megamix“, in der Musik aus der ganzen Welt vorgestellt wurde. Bei 220 Folgen der Serie für den Sender arte führte er Regie. Es folgten mehr als zwanzig Dokumentarfilme für arte und Canal+ über ein breites Themenspektrum von Musik bis Politik, digitale Kunst und Geschichte sowie ein Buch über abgereichertes Uran.

Erst seit kurzem arbeitet Meissonnier auch wieder als DJ, u.a. beim Festival Transmusicales 2018. Er kannte Bernard Tretons Sessions aus dem Jahr 1978 und bat darum, einige der Originalaufnahmen remixen und in sein DJ-Set aufnehmen zu dürfen. Vier dieser Mixe werden jetzt auf der vorliegenden LP vorgestellt. Ein weiterer Mix, die 45-Minuten-Version von Sankayis „Il ne faut pas intervenir“ wird ausschließlich bei Bandcamp veröffentlicht.

Martin Meissonnier über Bernard Treton
„Bernard Treton… is a longtime friend and colleague: we were working together at Radio France during the ‘70s, often with composers of minimal music, in which we were both interested. During his stay in the Congo, he regularly kept me informed about the emerging scene there, about bands such as Konono No.1, Les Stukas etc., and was bringing me 7” records. I was fascinated by these quasi-punk African musicians, who were manufacturing their own instruments and microphones, and were playing in the streets in front of fake amplifiers. When he offered me to create remixes from the original stereo tapes, I didn’t hesitate. I aimed at staying as close as possible to the rhythms and the spirit of their trance-inducing music, while giving it a fatter sound, for use in my DJ sets. It turns out that it does work, and young audience members often come and ask me about the identity of these strange tracks that they can’t find with shazam…”

Die Geschichte der Originalaufnahmen
Bernard Treton arbeitete als Produzent und Studiotechniker bei Radio France. 1978 war er kurzzeitig in der Ausbildung von jungen Soundtechnikern beim Radiosender La Voix du Zaïre in Kinshasa tätig. Neben der Arbeit im Studio wollte Treton seinen Schülern zeigen, wie man Bands in einem Live-Setting aufnimmt. Die Kontakte zu den Musikern stellte sein Percussionlehrer Maître Nono her. Bei einer Hochzeit traf er Mbuyamba Nyuni von Sankayi, der ihm vier unterschiedliche Bands vorstellte, mit denen Treton mithilfe seiner Auszubildenden und dem ebenfalls aus Frankreich stammenden Soundengineer Guy Level Aufnahmen machte. Die mit einem Nagra und einem kleinen 6-WAY Mixer mitgeschnittenen Sessions fanden in den Proberäumen der Bands statt und dabei wurde viel getanzt, gelacht und getrunken. Die Kosten für die Honorare der Musiker sowie der Aufnahmen trug Treton selbst.

Zurück in Paris bot Treton vier der Aufnahmen dem französischen Label Ocora an. Sie erschienen 1986 als Doppel-Cassette und ein Jahr später auf CD unter dem Titel Zaïre: Musiques Urbaines à Kinshasa. Die Reaktionen waren verhalten. Das an traditioneller Musik interessierte Publikum und die Medien empfanden damals den Sound und vor allem die elektrifizierten Likembes als zu „merkwürdig“ und „fremd“.

Irgendwann in den frühen 1980er Jahren hörte Vincent Kenis einen Ausschnitt aus Tretons Aufnahmen in einer Sendung bei Radio France und war komplett begeistert. Während mehrerer Reisen in den Kongo begab sich Kenis auf die Suche nach Konono N°1. Es dauerte bis ins Jahr 2000, bis er sie finden sollte.

Der Rest ist (wie man so schön sagt) Geschichte. Kenis produzierte das Album Congotronics von Konono N°1, das im September 2019 von 45 britischen Musikkritikern zu einem der zehn besten Alben des 21. Jahrhunderts gewählt wurde und fördert die Gründung des Kasaï Allstars Kollektivs, dessen Alben er ebenfalls produziert. Gemeinsame Projekte mit Künstlern aus der Indie-Rock- und Jazz-Welt wie z.B. Herbie Hancock, Björk, CocoRosie, Animal Collective oder Deerhoof entstanden. Die vier auf der CD enthaltenden Aufnahmen sind Teil von Bernard Tretons originalen 1978er Sessions; alle sind bislang unveröffentlicht. Alle aus diesem Album entstehenden Lizenzgebühren werden der Organisation Ärzte ohne Grenzen gestiftet.

Konono N°1, Sankayi, Orchestre Bambala, Orchestre Bana Luya
Das Album: Kinshasa 1978 (Originals & Reconstructions)
Original recordings by Bernard Treton.
Reconstructions by Martin Meissonnier
VÖ: 15.11.2019
Label: Crammed Discs
Vertriebe: Indigo (CD/LP) / PIAS (digital)
Bestellnummer: cram194LP
Formate: LP (4-c Innenhülle, DL-Card mit 5 Bonus-Tracks), digital
EAN: 876623008057 (LP), 5410377904651 (DL)
Labelcode: 08689

Dieser Beitrag wurde unter News | Tour Dates abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.