Mit dem am 17.04.2026 erscheinenden Album
Shrimplet’s Regrets erweitert die französisch-schweizerische Band the BIG TUSK ihre seit den Anfängen des Projekts immer weiter entwickelte mythologische Welt. Das Album ist genauso ideenreich, aber kompakter als das 2024 bei Jazz-o-Tech erschienene Debüt It’s Alive.
Kontext und Imagination:
Die maritime Welt ist für the BIG TUSK ein Spiegel unserer Gesellschaft, der Ozean eine politische Bühne. Keine Metapher für eine unveränderliche natürliche Ordnung, sondern ein Raum, in dem Hierarchien durchgesetzt, aber auch zurückgenommen werden. Eine instabile Welt, in der das scheinbare Gesetz des Lebens vor allem bestehende Machtverhältnisse offenbart.
Die vier Mitglieder von the BIG TUSK wuchsen in den 1990er und 2000er Jahren in Frankreich und der Schweiz auf und waren immer von vielen unterschiedlichen Musikkulturen umgeben. So klingt ihre Musik vielfältig, dynamisch, global und stark geprägt von afro-diasporischen Einflüssen wie Jazz, Hip-Hop, Rock, Electro und Drum’n’Bass.
Shrimplet’s Regrets bringt zwei entgegengesetzte Pole zusammen: ein streng rhythmisiertes elektronisches Universum und ein radikal expressives und organisches Register. Die Spannung daraus durchzieht das gesamte Album, das zwischen Momenten intensiver Direktheit und schwebenden Passagen, tanzbarer und grooviger Energie, und kontemplativer Innenschau pendelt.
Kollektiv und Musiker:
Die vier Musiker lernten sich 2013 am Konservatorium in Lausanne kennen. Durch unzählige gemeinsame Jams, Sessions, Residenzen und Konzerte haben sich die engen Freunde ganz selbstverständlich ihre eigenen Rollen innerhalb des Ensembles geschaffen.
Nathan Vandenbulcke (Schlagzeug) übernimmt abwechselnd die Rolle einer unermüdlichen Drum-Machine und eines expressionistischen Malers. Virtuos bewegt er sich zwischen Puls und Explosion und verleiht der Gruppe zugleich Stabilität und dynamische Ausbrüche — besonders deutlich etwa auf „Benthos Syndicate“.
Andrew Audiger (Keyboards und Bass-Keyboard) bildet das strukturelle und harmonische Fundament der Band. Sein gleichzeitiges Spiel von Basslinien und Akkorden verleiht ihm eine zentrale Rolle in der Musik, insbesondere während der Improvisationsphasen. Zudem ist er Urheber der zahlreichen, über das Album verstreuten Meerestier-Samples.
Théo Duboule (Gitarre) ist der atmosphärische Architekt des Albums. Sein Universum bewegt sich mit großer Vielseitigkeit zwischen analog gefärbtem Sounddesign und glühenden Soli mit einem zugleich rauen und kalten sowie warmen Klang — zu hören etwa auf „Oh, Wallace“. Zudem verantwortet Théo die gesamte Postproduktion.
Shems Bendali (Trompete / Perkussion) verkörpert die Stimme und den melodischen Atem des Albums. Er ist die warm leuchtende Seele, die der elektro-organischen Materie Leben einhaucht wie z.B. auf „Ponalitaly“, wo er emotional auf die Gaststimme von Princess Kalpana reagiert. In den abgründigsten Momenten, etwa auf „Krill Bill“, legt er die Trompete bisweilen beiseite und greift zu den Bongos, um sich direkter in den Groove einzuschalten und Teil der kollektiven Trance zu werden.
Die Rolle der Improvisation:
Auf Shrimplet’s Regrets ist Improvisation kein Ornament, sondern ein Motor: ein Weg, in Echtzeit zu komponieren, das Zufällige zuzulassen, und gleichzeitig die Kontrolle über die Musik zu bewahren.
Nahezu jedes Stück auf dem Album enthält Phasen kollektiver Improvisation. Stücke wie „Razorbill“ oder „Shrimplet’s Regrets“ entstanden zu rund 95 % als Improvisationen in Echtzeit, als eine Abfolge von Sprüngen ins kalte Shrimplet-Wasser, Mikroanpassungen und Überraschungen. Die Tracks „Krill Bill“ und „Oh, Wallace“ folgen ebenfalls diesem Prinzip, sind aber geringfügig stärker ausgearbeitet.
Die Stücke:
„Krill Bill“: der zentrale Track des Albums. Eine ironische und wütende Fabel über einen Krill namens Bill, der sich eines Tages weigert, weiterhin als bloßer „Snack“ aller anderen Meeresbewohner zu dienen. Der Wechsel zwischen obsessiv präzisem Rhythmus und wilden Improvisationsphasen spiegelt Bills Gefühlslage zwischen Selbstkontrolle und zorniger Befreiung wider.
„Benthos Syndicate“: Benthos ist die Gesamtheit aller Organismen, die in den Tiefen der Meere leben. In dem von Théo Duboule komponierten Stück organisieren sich die Vergessenen der Tiefsee in einem Syndikat, um ihre Rechte einzufordern. Inspiriert vom Pop-Rock der 1980er-Jahre ist der Track kurz, prägnant und getragen von einer eingängigen Melodie sowie einem brennenden, Coltrane‘esken Trompetensolo.
Die „Doomer Zone“ beschreibt einen Zustand völliger Hoffnungslosigkeit. Andrew Audigers Komposition beginnt in einer schleppenden, Lynch-haften Atmosphäre voller seltsamer Melancholie, entwickelt sich dann zu einem Refrain mit grungigen, Radiohead-artigen Anklängen. Und plötzlich – ohne Vorwarnung – kehrt das Licht zurück: Ein befreiendes Gitarrensolo bricht über einen fröhlichen, treibenden Drum’n’Bass-Beat herein – als beharrliche Weigerung, unterzugehen.
„Razorbill“ betont die Dance-Seite von the BIG TUSK. Stark beeinflusst vom Universum Mr Oizos ist der Track roh, direkt und unwiderstehlich. Er zeigt die Vorliebe der Band für Trance und körperliche Intensität.
„Ponalitaly (feat. Princess Kalpana)“ ist eine in Ukrainisch von Olha Semchyshyn gesungene Ballade. Der Text handelt vom inneren Exil, vom Vergehen der Zeit und der Schwierigkeit, Bilder einer glücklichen Vergangenheit festzuhalten. Er erzählt über vom Wind getragene Tränen und von Gesichtern, die man vergeblich sucht – zugleich aber auch von einer fragilen, Menschliches und Göttliches trotz einer Distanz verbindenden Liebe. Die Musik, komponiert von Shems Bendali und Théo Duboule, entfaltet sich als langes Crescendo, getragen von brodelnden Percussions.
„Shrimplet’s Regrets“: Hinter dem beinahe zärtlichen Titel verbirgt sich die Stimme einer kleinen, in einem zu engen Leben gefangenen Garnele. Es geht um die Reue eines Wesens, dem Raum zur Entfaltung fehlt. Diese Frustration äußert sich in Musik von großer Energie: ausgehend von einem vollständig improvisierten rhythmischen Motiv rast ein frenetischer Drum’n’Bass-Beat voran, präzise getragen von Schlagzeuger Nathan Vandenbulcke. Shems Bendali stellt sich mit seiner Trompete dagegen – als abrasive Kraft in einem avantgardistischen Geist, der an Peter Evans oder Ambrose Akinmusire erinnert.
„Oh, Wallace“ ist ein vielschichtiges Stück, aufgebaut auf einer spezifischen rhythmischen Struktur (zwei Takte im Dreier-, ein Takt im Vierer-Metrum). Der Titel verweist auf Kevin Smiths Film Tusk (2014), dessen verstörendes Universum die Namensgebung der Band beeinflusst hat: die Geschichte eines Mannes, der von einem Psychopathen gefangen gehalten und schrittweise in ein Walross verwandelt wird. Zugleich ist der Titel eine Anspielung auf „Oh, Wallace“, ein Lied der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die die Band stark prägt. Das Stück beginnt mit einer obsessiven Hip-Hop-Schleife, kippt abrupt in einen düsteren Dub-Teil mit perkussiven Interventionen und explodiert schließlich in Théo Duboules furiosem Gitarrensolo.
„Léhan“ ist ein lichtdurchflutetes Epilogstück. Den Strand von Léhan im Finistère kennt Nathan Vandenbulcke seit seiner Kindheit. Das Stück erinnert an die Atmosphäre an der bretonischen Küste, die Weite der Strände und die zyklische Bewegung des Ozeans. Als sanfte, versöhnliche Ballade, geschrieben und gesungen von Nathan, schließt „Léhan“ das Album wie eine Rückkehr an Land nach dem Sturm ab. Gleichzeitig bietet der Track dem Keyboarder Andrew Audiger Raum für beinahe barock anmutende melodische Ausflüge.
Tour:
Ende Februar geht die Band auf große China-Tournee mit acht Auftritten. Danach geht es in Europa u.a. mit Konzerten in Paris, Athen und beim Pollen Festival in der Schweiz weiter.
Weitere Informationen:
https://thebigtusk.com/
the BIG TUSK
das neue Album: Shrimplet’s Regrets
VÖ: 17.04.2025
Label: Jazz-o-Tech (Berlin / Mailand)
Formate: LP, digital
Katalognummer: tba
EAN/UPC: tba
Vertrieb: tba
Label Code: tba

