Glitterbeat veröffentlicht Meilenstein von Jon Hassell und Brian Eno neu gemastert und mit neuen Liner Notes auf CD und Vinyl

1980 wurde das Album Fourth World Music Vol. 1: Possible Musics von Jon Hassell und Brian Eno veröffentlicht und sein Einfluss auf die zeitgenössische Musik ist unbestritten. Es stand nicht nur für einen wichtigen Moment in der Entwicklung der von Eno so genannten „Ambient Music“, sondern es diente auch dazu, ein breiteres Publikum in Hassells „Future Primitive“-Trompetensounds und seine visionäre Musiktheorie einer „Fourth World“ einzuführen. Mittlerweile sind Enos Ambient-Strategien tief in die DNA der elektronischen Musik verwoben und die crosskulturelle Bedeutung von Hassells „Fourth World“ ist nicht nur in dem Begriff „World Music“ sichtbar, sondern auf noch überzeugendere Weise auch in den vielen crosskulturellen musikalischen Fusionen, die wir heute erleben dürfen.

Das Label Glitterbeat veröffentlicht das wegweisende Werk am 21. November 2014 auf CD und Vinyl. Das Album wurde neu gemastert und das 12-seitige Booklet enthält sowohl ein exklusives Interview mit Jon Hassell wie auch einen kurzen Essay von Brian Eno. Die 180g Vinyl-Version hat ein Gatefold-Cover und eine beigelegte CD.

Seit den 1970er Jahren ist Brian Eno einer der bekanntesten Künstler in der experimentellen wie auch in der populären Musik. Eine Ausbildung an der Kunsthochschule, früher Erfolg als androgyner Synthesizer-Manipulator mit Roxy Music, mehrere einflussreiche Soloalben, die Akzeptanz des Begriffs „Ambient Music“ und ihre Anwendung auf elektronische Instrumentalalben, wegweisende Zusammenarbeiten mit Künstlern wie David Bowie, The Talking Heads, Robert Fripp und den Krautrockpionieren Cluster sowie Nummer-Eins-Alben für die irische Rockband U2 sind nur einige wenige Stationen in seiner erstaunlichen Karriere.

Jon Hassells musikalische Reise ist zwar im kulturellen Mainstream nicht ganz so bekannt, aber genauso schillernd und individuell wie die von Eno: Aufgewachsen in Memphis, eine klassische Trompeten-Ausbildung am Konservatorium, ein Kompositions- und Elektronische Musik-Studium bei Stockhausen in Köln, eine Phase in der New Yorker Minimal-Szene mit Terry Riley, Lamonte Young und Philip Glass, ein einzigartiger und radikaler Ansatz zum Trompetenspiel, den er nach der Zusammenarbeit mit seinem Mentoren Pandit Pran Nath entwickelte, Exkursionen mit den Talking Heads, Peter Gabriel, David Sylvian, Björk und Ry Cooder, ein beständiges Infrage stellen der Gegensätzlichkeit von Nord und Süd, sakral und sinnlich, primitiv und fortschrittlich. In einem exklusiven Interview für die Liner Notes drückte Hassell seine musikalische Lebenserfahrung so aus: „Without overstating it too much I don’t know who else has had the kind of experience that I’ve had in various kinds of music.”

Hassells musikalische Ausbildung und Einflüsse erstrecken sich über alle Ländergrenzen und Kulturen hinweg und bewegten ihn dazu, seinen eigenen Weg abseits der Didaktik der westlichen Musik zu suchen. Das Ergebnis dieser Suche war die allmähliche Entwicklung von musikalischen Konzepten, die er selbst unter dem Überbegriff „Fourth World Music“ zusammengefasst hat. In einem Interview aus dem Jahr 1997 sagt er dazu: „I wanted the mental and geographical landscapes to be more indeterminate – not Indonesia, not Africa, not this or that… something that COULD HAVE existed if things were in an imaginary culture, growing up in an imaginary place with this imaginary music…. I called it ‘coffee-colored classical music of the future’…. What would music be like if ‘classic’ had not been defined as what happened in Central Europe two hundred years ago. What if the world knew Javanese music and Pygmy music and Aborigine music? What would ‘classical music’ sound like then?”

Als Eno und Hassell aufeinander trafen, waren Hassells Experimente mit dem musikalischen Vokabular der „Fourth World“ schon angelaufen und es war eines dieser Experimente, vor allem Hassells Debütalbum Vernal Equinox, das Brian Eno dazu brachte, ihn aufzusuchen. Eno dazu: „This record fascinated me. It was a dreamy, strange, meditative music that was inflected by Indian, African and South American music, but also seemed located in the lineage of tonal minimalism. It was a music I felt I’d been waiting for.”

Jon Hassell und Brian Eno; Photo Credit: Copyright Control

Hassell erzählt die Geschichte ihres Aufeinandertreffens weiter: „Brian came to a concert that I was doing at The Kitchen, an avant-garde performance space in New York at that time [1980], and I called it ‘Fourth World’ something or the other… he came up after the concert and introduced himself and said, ‘you know we should do something together.’ So that’s how we met and we had a period of socializing and my introducing him to the things I was into, the musical things that I was into like the Ocora label and a lot of great ethnic music and recordings…”.

Nur ein paar Monate danach ging das Duo in das New Yorker Studio Celestial Sound und begann mit der Arbeit an Fourth World Music Vol I: Possible Musics. Zu den Sessions lud Hassell Musiker wie den brasilianischen Percussionisten Nana Vasconcelos und den senegalesischen Schlagzeuger Ayibe Dieng ein, mit denen er schon früher zusammengearbeitet hatte.

Die meisten Album-Credits gehen an Eno und Hassell gemeinsam, obwohl das 20-Minuten-Stock „Charm (Over ‚Burundi Cloud‘)“ aus Hassells Konzertrepertoire importiert wurde. In mehreren Interviews aus den letzten Jahren hat Hassell immer wieder klargestellt, dass die Credits zumindest zum Teil falsch seien, da Eno hauptsächlich für die Produktion zuständig war. Im August 2014 sagte er dazu: „He [Eno] had assumed that it was going to be a producer credit, you know on the cover, and I was thinking ‘gee I would really like to make some money off of this’ and he was very, very popular at the time and his name meant a lot, so I said I’ll be first, it’ll be ‘Jon Hassell’ slash ‘Brian Eno.’ And that would help the sales… his contributions were in bringing the art school mind to the studio as in like “what would happen if we did this” right? For instance turning the tape over and getting the backwards echo…”.

Obwohl Brian Eno die Angelegenheit nie öffentlich kommentiert hat, stellte er in einem Artikel für den britischen Guardian mit dem Titel „The debt I owe to Jon Hassell“ klar, dass er ihn als einflussreichen Mentor ansieht. Possible Musics ist kantiger, rhythmischer und exotischer als die meisten Eno-Werke, Drone-basierter, reflektiver und klangvoller als die meisten Hassell-Werke und damit ein Highlight in der Werkliste beider Künstler – wie auch immer die Aufteilung der Arbeit und die Konzeption des Albums unter den beiden gestaltet war. Es klingt auch 34 Jahre nach Erstveröffentlichung betörend, undefinierbar und wie aus einer anderen Welt.

Der Einfluss des Albums auf die zeitgenössische Musik war unmittelbar. Nur zehn Tage nach dem Mastering trafen sich Brian Eno und David Byrne in Los Angeles, um ihre zum Teil von Hassells Musiktheorie inspirierten Experimente fortzuführen, die später in dem Album My Life in the Bush Of Ghosts resultieren sollten. Ursprünglich waren die Aufnahmen als Trio-Projekt mit Jon Hassell konzipiert, aber diese Konstellation zerbrach an unterschiedlichen Meinungen zur Logistik und musikalischen Ausrichtung. Hassell ist auch heute noch sehr enttäuscht darüber, dass seine musikalischen Ideen auf dem Album umgesetzt wurden, ohne ihn in irgendeiner Form dafür zu würdigen. Von diesem Werk aus war es immerhin nur ein kleiner Sprung nach vorne zum Afro-Futurismus von Remain In Light, dem von Eno coproduzierten Talking Heads-Album, bei dem Hassell als Gast zu hören ist.

„Fourth World“-Strategien waren und sind noch immer in der Musik vieler Künstler zu hören, darunter Peter Gabriel (WOMAD & Real World), Nils Petter Molvaer, Björk, David Sylvian, David Byrne (Luaka Bop), Ryuichi Sakamoto, Damon Albarn (Mali Music & Africa Express), DJ Spooky, Jah Wobble, Matmos, 23 Skidoo, Goat, Bill Laswell, Mark Ernestus, Adrian Sherwood (African Headcharge) und natürlich Projekte von Eno und Hassell selbst. „I owe a lot to Jon”, so Brian Eno, „actually, a lot of people owe a lot to Jon. He has planted a strong and fertile seed whose fruits are still being gathered.”

Weitere Informationen:
glitterbeat.com/artists/jon-hassell-brian-eno/ (http://glitterbeat NULL.com/artists/jon-hassell-brian-eno/)

Jon Hassell / Brian Eno
Fourth World Vol. 1: Possible Musics
VÖ: 21.11.2014
Label: Glitterbeat (www.glitterbeat.com)
Vertrieb: Indigo
Bestellnummer: GBCD-019
EAN: 4030433601921(CD)/4030433601914(LP)
Labelcode: 08323

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